„We want you in this film“

„Schreib doch was über die Menschen“, spricht Kamerakind Sabine und gibt damit das heutige Thema vor. Na dann los. Menschen gehen immer. Schreib mal was. Kann doch nicht so schwer sein. Schließlich treffen wir ja viele. Jedoch werden sie eher von uns getroffen, überfallartig. „Hallo, German Television, documantary about Danube-River, this is Lars, a photographer, there is his brother Niels, an author, both in the canoe to the Black Sea, great, yes – this village, don´t look into the camera!“. Ein Duzend Augen blicken auf einen Menschen, der in den zu den Augen gehörenden Gehirnen gerade zum perfekten Protagonisten mutiert, der und kein anderer, hier und jetzt. Der Mensch reagiert. Unterschiedlich. Mal nickend, mal kopfschüttelnd, hat aber auf dem Balkan erstmal nichts zu sagen, kann alles heißen.

Noch ein Anlauf: „We want you in this film, would you …“. Der Mensch geht weiter, antwortet in einer fremden Sprache oder schüttelt nickend den Kopf weiter. Ein Dolmetscher muss also ran. Der Dorflehrer, der Kerl auf dem Moped oder die Eisverkäuferin. Es wird gesprochen, telefoniert und wiederholt, danach werden Stift und Papier ausgepackt. Wertvolle Drehzeit verstreicht, unweit blickt ein Esel kurz gelangweilt auf, grast dann aber weiter – in den Halmen unter ihm summt eine Biene von Blüte zu Blüte, fleißig auf der Suche nach dem Rohstoff des flüssigen Balkangoldes, noch tiefer begegnen sich auf der kühlen, feuchten Erde zwei Laufkäfer direkt neben dem Eingang zu einem kleinem Bau, die darin hausende Maus läuft wenige Meter entfernt entlang der Wiesenkante und entgeht nur knapp den Blicken der Katze, die in diesem Moment die Schnürsenkel eines mit Hut und kurzen Hosen bekleideten Fremden entdeckt hat  – der Regisseur beginnt nervös mit den Augenlidern zu klappern. Also was nun. Na nichts. Perfekter Protagonist will, kann, darf oder versteht nicht.

Gastfreundschaft und Bier: Lutz, Sabine, Till, Micha & Sascha, Niels und Lars (hinter der Kamera)

 

Die Menschen misstrauen häufig der lustigen Fernsehtruppe. Warum wollen wir gerade in der alten Gasse drehen und nicht auf dem neuen Marktplatz? Warum im kleinen Dorfladen uns nicht im rumänischen Penny-Supermarkt der Nachbarstadt, der mit dem neuen Parkplatz? Ja warum eigentlich nicht? Jetzt ist, wir ahnen es alle, ein wenig Geduld gefragt.

Keine 24 Stunden später scheint jeder im Dorf bescheid zu wissen, Kinder verfolgen uns von Ecke zu Ecke, die Menschen öffnen ihre Gartenpforten und ihre Herzen. Rumänische Gastfreundschaft, Herzlichkeit, lachende Gesichter. Eilig wird selbst gemachter Kuchen herbeigeschafft auch frische Limonade und Servietten, manchmal einheimisches Obstdestilat zur traditionellen Begrüßung. Muss sein, jeder ein ordentlichen Schluck, die „ich bin Sportler und trinke keinen Alkohol“-Masche wird mit einem Lachen, schüttelnden Kopfnicken und einem randvollen Glas beantwortet. Alle stehen auf der Straße, wir versuchen uns in bruchstückhaften Russisch, einigen Brocken italienischem Spanisch und was einem sonst noch so einfällt. Keiner versteht scheinbar irgendwas, alle lachen und auf einmal sind wir nicht mehr ganz so fremd im Dorf an der Donau.

Genau dann ist es Zeit für die zweite Ausbaustufe: die Fotobox. Aus Stangen und Tüchern werden eilig Diffuser und Reflektoren zusammengebaut, auf einem Stativ wird ein Blitz mit Softbox montiert. Einen Augenblick später eröffnen Lars und ich unser mobiles Studio. Zuerst trauen sich die Kinder vor die Linse des Fotografen. Vergütet wird ihr Einsatz in der einzig dauerhaften internationalen Währung, Süßigkeiten. Sowas spricht sich schnell rum, Geschwister, Freunde und Straßenhunde werden eilig zum Ablichten herbeigeschafft. Nun trauen sich auch die älteren Semester, die ersten Aufnahmen werden mit kritischer Mine geprüft, gefolgt von einem Lächeln und annerkenendem Nicken. Spätestens jetzt wissen sie, dass wir es gut mit ihnen meinen, dass wir Schönes zeigen wollen, die Menschen gut aussehen lassen. Und wir wissen, dass Vertrauen und gute Aufnahmen ein wenig Zeit benötigen. Und was sind schon 24 Stunden?

Das mobile Fotostudio ist eröffnet (Rumänien).

Bulgarisches Fotostudio

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About Donaut Niels

... gibt es eben auf www.cold-nose.de

2 responses to “„We want you in this film“”

  1. cheffiete says :

    mein lieber niels, mit verschlafenem Blick und beim Aufwachen gegen Null Sechshundert, immer noch nicht ganz begreifend, dass es mein Bett, mein richtiges Bett in meiner Wohnung ist, in dem ich mich räkele lese ich diese Zeilen und ein behagliches Gefühl macht sich in mir breit. Ein Gefühl der Gewissheit, dass sich die ganze Aktion gelohnt hat. Graue Haare kann man tönen und Schlaf sowieso nicht nachholen und von daher aus Berlin ein herzliches Dankeschön and Dich, Deine wunderbare Art Erfahrens in Worte zu fassen und Energie und Lebensfreude zu versprühen. Hoffe, Dich hier noch oft zu lesen.

    Gehab Dich wohl.

    Der nun, ohne Funktion seiende, Koch der Donautentruppe.

    Fiete

  2. Donaut Niels says :

    Ach Fiete, vielen Dank für die netten Zeilen, da werd ich ja schon jetzt ganz wehmütig. Es hat sich ganz sicher gelohnt, keine Zweifel. Bei mir setzt gerade die Erlebnisverabeitungsmaschine ein und rattert kräftig los, sie wird wohl einige Zeit brauchen um einen großen Berg Erinnerungen zu verarbeiten. Zu was eigentlich? Naja, what´so´ever, viele Grüße, ich denke die das mit dem Staubistro auf der A 13 ist eine absolut ausbaufähige Idee. Denk mal drüber nach,

    Nielsen.

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