Von Vor- und Nachurteilen

Marjan – ohne ihn hätten wir jetzt keine Segelyachtlizenz für Serbien. Und das wäre schlecht.

 

Ja, ich gebe es zu, bei mir hatte wieder einmal der Vorurteilshammer kräftig zugeschlagen. Doch warum? Nun, wer einmal im Sommer mit dem Kanu durch Ungarn paddelt lernt die besten Seiten des Paddlerdaseins kennen. Die Landschaft sehr schön anzusehen, der Fluss noch wild und frei, die Menschen an den Ufern freundlich und entspannt. Sie wissen die Jahreszeit zu genießen und üben sich in beneidenswerter Hingebung Phlegmatismus zu praktizieren. Alles wunderbar also, kurzum ein Bilderbuch-Paddel-Sommer. Und dann denkt man an den anstehenden Übertritt nach Serbien.

Serbien, das Land der Grenzen und stundenlangen Grenzkontrollen, das Land der nächtlichen Meldepflicht – und wehe dem, der am falschen Ufer anlegt oder gar die falschen Menschen fotografiert. Man denkt an Menschen in blauen Tarnuniformen, an allgegenwärtigen Militarismus und an bissige Hunde. An Verbote und Verbotsschilder. An Wörter, die ich noch nicht einmal mehr entziffern kann, da Russisch in der Schule absolut uncool war und die Welt so wie so Englisch sprach. Zumindest sang. Ja, Serbien rangierte auf meiner Top-10-Donauländerliste nicht unbedingt ganz oben.

Doch kam es wieder einmal anders, denn der Teufel ist ein Eichhörnchen und schießt mit dem Besenstiel. Zu sagen, dass wir in diesem Land als Reisende freundlich empfangen werden, ist wohl eine Untertreibung. Wir werden mit offenen Armen empfangen. Von den Ufern des Flusses und den Booten winken uns die Leute zu. Sie nicken, lachen und zeigen uns den ausgestreckten Daumen, ganz so als wüssten sie, dass wir schon lange unterwegs sind und noch einen langen Weg vor uns haben und uns natürlich über einen solchen Empfang freuen. Noch spät in der Nacht werden wir in den Csàrdas, den einfachen Fischschenken am Ufer, herzlich empfangen. Es gibt gebratenen Donaustör mit Kartoffelsalat und Brot, dazu kaltes Bier aus Apatin, der Brauerei nur wenige Flusskilometer abwärts gelegen. Voller Stolz präsentieren sie die übervollen Teller, in diesem Moment schmeckt es so gut wie nirgendwo sonst auf dieser Welt. Irgendwann heißt es zahlen und ab ins Zelt – doch weit gefehlt, erst müssen wir die Gastgeber überzeugen, dass wir keinen Schnaps mehr wollen und dass es vollkommen in Ordnung ist in einem Zelt zu Übernachten. Dass wir den Schlüssel der Schenke nicht brauchen, dass es reicht, wenn wir auf der überdachten Terrasse schlafen könnten, falls das Gewitter schlimmer wird und uns die umstehenden Bäume auf den Kopf fallen sollten. Wir fühlen uns gut aufgehoben an den Ufern und auf dem Fluss zwischen Ungarn und Rumänien – was kann man besseres über ein Land sagen? Wir lernen aufgeschlossene Menschen kennen, Menschen deren Geschichten uns interessieren, die aber auch etwas von uns wissen wollen. Das war bisher nicht immer so. Wir lernen eine Region kennen, dessen jüngste Geschichte deutlich nachhallt, auch wenn die Brücken längst wieder aufgebaut und die Einschusslöcher an den Wänden verputzt sind. Doch was uns wirklich überrascht: hier leben Menschen, die von den Leuten auf der anderen Seite des Flusses nicht schlecht reden, sogar sagen, dass das Verhältnis immer besser wird. Dass man sich sogar manchmal besucht, es ist ja nicht weit über den Fluss.

Und dann denke ich darüber nach, vorher einfach ein bisschen weniger zu urteilen. Doch dann würde ich natürlich auch nicht so positiv überrascht. Und worüber sollte ich dann schreiben?

Making Of – So macht der Lars die Bilder. Und ich halte manchmal die Lampe hoch.

Manchmal macht er aber sie auch so ...

... und so sieht das dann aus.

Tischlein deck dich, Esel reck dich! Lars und Niels beim Frühstück mit Aussicht auf die Tagesetappe.

Der Wasserturm von Vukovar ist immer noch nicht heile. Wo bekommen die Leute eigentlich ihr Trinkwasser her?

Typische Csàrda am Donauufer. Praktisch: bei Flut schwimme die Fische bis in die Küche.

Kurz vor Feierarbeit mobilisiert der gelb-blau Schwedenexpress noch mal letzte Kräfte.

 

Ausgezeichnete Job-Aussichten.

Nach 70 Kilometern auf dem Wasser geht es für uns noch mal in die Muckie-Bude. So verschafft man sich den nötigen Respekt auf dem Balkan.

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About Donaut Niels

... gibt es eben auf www.cold-nose.de

One response to “Von Vor- und Nachurteilen”

  1. Biggi R. says :

    Making Of – So macht der Lars die Bilder.

    Besonders nett finde ich da Flicka im Hintergrund :D

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